Freitag, 19. Januar 2018

Stolz auf NVA-Tradition



Position des Verbandes zur Pflege der
Traditionen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR e.V.
zum Entwurf „Die Traditionen der Bundeswehr - Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege“



Die Verteidigungsministerin Ursula von der
Leyen legte der Öffentlichkeit den Entwurf eines
Dokumentes „Die Traditionen der Bundeswehr“
vor. Ein neuer Traditionserlass wurde nach
einer Reihe rechtsextremistischer Umtriebe,
die dem Ansehen der Bundeswehr schadeten,
notwendig. Die Bundesbürger können nun zu
diesem Dokument Position beziehen.



Es ist nicht Aufgabe des „Verbandes
zur Pflege der Traditionen der NVA und der
Grenztruppen der DDR“, sich mit den Traditionen
der Bundeswehr auseinander zu
setzen. Wir sind der Pflege unserer Traditionen
verpflichtet. Grundlage dafür bietet unsere
Satzung.



Auch wenn wir es begrüßen, dass sich die
Bundeswehr mit dem neuen Erlass von einigen
fragwürdigen Traditionen verabschieden
will, halten wir es für dringend notwendig,
einige der im Entwurf der Richtlinie gegen die
NVA verwendeten Argumente entschieden
zurückzuweisen, setzen sie doch die seit
1990 auf allen politischen Ebenen betriebene
Delegitimierung der DDR und damit auch der
NVA fort.



Die unter Punkt 2.3 aufgeführte Behauptung:
„Traditionsverständnis und Fahneneid der NVA
leiteten sich aus ihrem Selbstverständnis
als … Parteiarmee ab …“ ist grundfalsch
und dient der Diskreditierung der Armee als
Ganzes und ihres Führungspersonals. Die in
der Verfassung der DDR festgeschriebene
führende Rolle der Partei, die für alle Bereiche
des gesellschaftlichen Lebens in der DDR galt,
wird für eine solche Behauptung unzulässig
strapaziert.



Die NVA der DDR war eine echte
Volksarmee, die sich dem Volke der Deutschen
Demokratischen Republik verbunden fühlte
und deren Führungspersonal aus dem Volke
stammte. Diese Verbundenheit mit dem
Volke haben Führung und Truppe der NVA
auch während der politischen Ereignisse in
den Jahren 1989/90 bewiesen. Aufgabe der
Nationalen Volksarmee war es, gemeinsam
mit den anderen Armeen der Staaten des
Warschauer Vertrages den Schutz der
Grenzen dieser Staaten und des Friedens zu
gewährleisten, nicht aber für die Stabilität im
Innern der DDR Sorge zu tragen.
Auch der Punkt 3.4 kann nicht unwidersprochen
bleiben.



Unser Verband verwahrt sich ganz
entschieden dagegen, in einem Atemzug
mit dem NS-Regime und der faschistischen
Wehrmacht genannt zu werden.
Man kann sich des Eindrucks nicht
erwehren, dass NVA und Wehrmacht
gleichgestellt werden sollen. Damit werden
Verbrechen der Wehrmacht verharmlost und
die Lebensleistungen der Soldaten der DDR,
deren höchste Motivation die Erhaltung des
Friedens war, herabgewürdigt.



Während ihrer Existenz hat die NVA
weder Kriegsverbrechen begangen noch
völkerrechtswidrige Kriege geführt! Im
Gegenteil, durch ihr Wirken im Verbund des
Warschauer Vertrages hat sie zur längsten
Friedensperiode in der europäischen
Geschichte beigetragen. Eine Zeit, die seit dem
völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien,
auch unter Mitwirkung der Bundeswehr, zu
Grabe getragen wurde.



Insofern ist es verständlich, dass die NVA
laut Richtlinie nicht traditionsstiftend für die
Bundeswehr sein kann. Darauf können wir
stolz sein. Aber wir verwahren uns nochmals
nachdrücklich, mit der braunen Vergangenheit
Deutschlands auch nur ansatzweise in
Verbindung gebracht zu werden.

Kleiner, aber durchaus bemerkenswerter
Nebeneffekt: Die Ministerin selbst führt mit
diesem Erlass die Mär von der angeblichen
Armee der Einheit, die es nie gegeben hat, ad
absurdum!
Der Vorstand Der Ältestenrat



Mittwoch, 17. Januar 2018

Einheitsfront gegen Krieg


Ein friedenspolitischer Rück- und Ausblick auf das Jahrhundertjahr des „Roten Oktober“

Erfolgreicher Widerstand gegen die Kriegsgefahr erfordert 2018 die breitest mögliche Abwehrfront

Von Irene Eckert

Am 7. November 1917 begann mit der Russischen Oktober-Revolution ein Epochenwechsel, dessen Geburtswehen noch andauern. Mit der Parole „Brot und Frieden“ zog sich die junge Sowjetmacht einseitig aus dem Gemetzel des Ersten Weltkrieges zurück. Das russische Volk begann unter Führung Lenins und der bolschewistischen Partei mit dem opferreichen Aufbau einer neuen, einer humaneren Ordnung ihrer Gesellschaft. Offene und geheime Störmanöver ausländischer Mächte im Bunde mit der inneren Opposition ließen allerdings nicht auf sich warten. Lenins Bemühungen um einen sofortigen und bedingungslosen Frieden mit dem Hauptkontrahenten Deutschland wurden vom Doppelagenten in der jungen Sowjetregierung, dem Ukrainer Lev Davidovitsch Trotsky torpediert. Trotzdem kam es schließlich im 2. Anlauf zum für die Russen äußerst verlustreichen Friedensschluss von Brest-Litowsk in Weißrussland unterzeichnet im Hauptquartier Ost der deutschen Armee. Bereits am 23. Dezember 1917, am Tage nach der ersten Verhandlungsrunde hatten Großbritannien und Frankreich in Paris ein Abkommen getroffen, das die Zerlegung Sowjetrusslands vorsah. (1) Von nun arbeitete man in den Botschaften der Amerikaner, Briten und Franzosen mittels eines Heeres von Geheimdienstagenten fieberhaft und mit erheblichen Mitteln daran, die junge Sowjetherrschaft zu stürzen und eine Militärdiktatur zu errichten.

Sommer 1918: Attentat auf Lenin

Am 30. August 1918 sollte ein mörderisches Attentat auf den Revolutionsführer Lenin mittels vergifteter Geschosse dessen Lebensdauer erheblich abkürzen (2). Die Täterin war eine junge Frau, Fanja Kaplan, ehemalige Anarchistin und verurteilte „Sozialrevolutionärin“ und Terroristin. (3) Lenins Lunge war knapp oberhalb dem Herzen durchschossen worden. Eine zweite Kugel verfehlte knapp die Hauptarterie. Lenin war nur das prominenteste Opfer einer Serie von Attentaten. Von der ersten Stunde an wurden die Sowjetorgane außerdem durch Schädlinge infiltriert. (4)

Ausländische Militärinterventionen 1918-20

Im Sommer 1918 fielen unter fadenscheinigen Vorwänden US-amerikanische Truppen in Archangelsk und Sibirien ein, wo sie gemeinsam mit Briten, Franzosen und Japanern eine antisowjetische Ordnung zu installieren suchten. Das geschah unter dem 'Friedens'präsidenten Woodrow Wilson und obwohl Amerika nicht mit Russland im Krieg war. Es geschah, obwohl die neue sowjetische Regierung nach allen Seiten hin unverkennbaren Friedenswillen demonstriert hatte. Es ging bereits damals um die geostrategisch wichtigen Rohstoffe der Region. An den Interventionskriegen gegen das junge Sowjetland beteiligten sich bis 1920 insgesamt 14 Armeen mit 250 000 Soldaten. (5) Die gegen Sowjetrussland kämpfenden Länder hatten offiziell nie eine Kriegserklärung ausgesprochen. In den Geschichtsbüchern wird diese Periode wenn überhaupt, dann unter Bürgerkrieg abgehandelt. Eine bewaffnete Intervention mit all den verheerenden Folgen hat es lehrbuchgemäß nie gegeben. Während der Versailler Friedensverhandlungen war Sowjetrussland zwar Thema, saß aber keineswegs mit am Tisch. Es wurde boykottiert.

Trotz Sabotage und Terror: Strahlkraft Sowjetrusslands am Horizont

Dennoch, trotz aller Sabotageversuche, trotz weißem Terror, von außen mit massiven Mitteln unterstützt, trotz des frühen Ablebens des geschätzten Revolutionsführers Lenin im Jahre 1924 ging es nach dem Ende der Interventionskriege dank Stalin und seiner Genossen weiser Führung zügig voran. Der soziale Fortschritt war auf allen Ebenen allmählich spürbar. Der Aufbau im Lande wirkte auch nach außen hin als Fanal dafür, dass eine andere, eine bessere Welt möglich ist. Die Literatur von Augenzeugen, die das Sowjetland bereist haben, besonders aus den 30iger Jahren spricht Bände (6). Die Strahlkraft des ersten Arbeiter- und Bauernstaats nahm stetig zu.

Der Geist von Rapallo musste ausgetreten werden

Das Beispiel durfte nicht weiter Schule machen. Die alliierten Kriegstreiber wetzten daher weiter ihre Messer. Sie waren nicht bereit, ihre Niederlage hinzunehmen. Der große Bankenkrach und die Millionenheere an Arbeitslosen in den kapitalistischen Ländern 1929 hatten das Versagen des vorherrschenden Wirtschaftsmodells vor aller Welt sinnfällig gemacht. Krieg und Faschismus war ihre Antwort. Die Wühlarbeit gegen das positive Alternativmodell nahm zu. Deutschland kam dabei eine Schlüsselrolle zu. Unser Land war das Geburtsland des Sozialismus. Die Novemberrevolution hätte beinahe zu einer deutschen Räterepublik geführt, Bayern war besonders anfällig. Soziale Demokraten lösten die Kaiserherrschaft ab. Deutschland trat aus der Kriegsfront gegen Russland aus. In Rapallo wurden 1922 einvernehmliche Verträge zwischen beiden Ländern zu gegenseitigem Nutzen ausgehandelt.

 Dieser Geist von Rapallo, die Idee einer friedlichen Zusammenarbeit mit Sowjetrussland, musste aus der Sicht des international agierenden Imperialismus, der die Welt beherrschen wollte, ausgetreten werden. Der Sozialismus war ein zu vernichtender, wo immer er das Haupt erhob. Russland und seine unermesslichen Schätze wollte man an sich und das alternative Gesellschaftsmodell niederreißen.

Deutschland war und bleibt ein Schlüsselfaktor

Deutschland war dabei ein strategischer Schlüsselfaktor. Weil die Massen dem Sozialismus hier besonders zugetan waren, griff man zu einem grandiosen Täuschungsmanöver. Man (7) zog einen arbeitslosen Lumpen aus einem Obdachlosenheim, einen ehemals Kriegsblinden, einen Wehrmachtsspion, einen der die große Gosche gegen Juden führte, heran und machte ihn zum 'nationalsozialistischen Führer' der Deutschen. Man staffierte ihn und seine Krypto-Arbeiterpartei mit großzügigen Mitteln aus, gab ihm Uniform und Leibgarde und unterrichtete ihn in Tischsitten. Mittels brutaler Gewalt und mithilfe eines raffinierten Propaganda-Apparates hievte man ihn schließlich im Januar 1933 an die Macht. Dem „jüdischen Bolschewismus“ sollte mit seiner Hilfe endgültig Garaus gemacht werden. Der Krieg gegen das Sowjetland, in dem viele jüdische Bolschewiki in führenden Stellungen tätig waren (8), war nur eine Frage der Zeit, darin waren die Hintermänner sich einig.

Da aber die soziale Idee, die mit dem deutschstämmigen Juden Karl Marx konkret geworden war, weltweit eine Massenbewegung ausgelöst hatte und auch in den Vereinigten Staaten stark, mussten auch ihre Vernichter weltweit agieren. (9) Der Faschismus – inszeniert zur Zerstörung jeglicher sozialer Idee - war weder eine deutsche Erfindung noch ein rein deutsches Phänomen. Ihn und seine Handlanger gab und gibt es im übrigen nach wie vor weltweit. (10) Faschismus bedeutet aber nicht nur Rassismus, sondern auch Krieg. Faschismus bedeutet Krieg gegen die arbeitende Bevölkerung im Inneren und Eroberungs- und Vernichtungskrieg nach außen. Kriege bedürfen aber immer zu ihrer Legitimation der Feindbilder. Fremdrassige Völker eigenen sich dafür besonders. Der Krieg gegen den jüdischen und russischen (!) Untermenschen, gegen die Ostvölker wurde von langer Hand propagandistisch vorbereitet. In Hitlerdeutschland boomte die Rüstungsindustrie. Hitlerdeutschland war unter den Westalliierten kein Paria-Staat mehr. Kommunisten, Sozial- und andere Demokraten hatte man in Lagern entsorgt.

Offener Angriff auf Sowjetrussland scheitert, aber die Faschisten geben nicht auf

Der Angriff auf Russland erfolgte 1941. Dank des um- und weitsichtigen sowjetischen Führungspersonals und mithilfe des Molotow-Ribbentrop Abkommens (11) hatte man ihn um zwei Jahre verzögern können. Der schließliche Sieg des überlegenen Gesellschaftssystem forderte einen hohen Preis: 27 Millionen Todesopfer in Sowjetrussland (12) und eine verwüstete Infrastruktur.

Die Anti-Hitlerkoalition findet mit Präsident Roosevelts verfrühtem Tod im April 1945 ein jähes Ende. Trotz des noch scheinbar einvernehmlich verabschiedeten Potsdamer Abkommens kappen die Amerikaner den Sowjets die Kredite. Churchill tat kund „man habe das falsche Schwein geschlachtet“. Zwei Atombombenabwürfe signalisieren den Russen noch im August von Potsdam aus die Zeichen der 'Neuen Zeit'. Der abgehalfterte britische Premier begab sich nach seiner Züricher Rede 1946 in die USA zu Harry Truman und bereitete dort mit dem neuen US-amerikanischen Präsidenten die Einläutung des Kalten Krieges in Fulton/Missouri vor. Die aus dem Faschismus bekannte „Kommunisten“hatz wurde im Frühjahr 1947 (wieder) eröffnet. Flüchtige, deutsche Demokraten, die unter Roosevelt Asyl im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten gefunden hatten, Persönlichkeiten vom Range Charlie Chaplins, Bert Brechts, Thomas Manns verließen die 'Neue Welt' in Richtung Europa.

Der Kalte Krieg wird heiß

Ein heißer, mörderischer Stellvertreterkrieg zwischen Kapitalismus und Kommunismus wurde 1950 in Korea ausgetragen. Die Kommunisten hatten unter Mao das chinesische Festland befreit, die Amerikaner sich anstelle der Japaner im Süden Koreas festgesetzt. Da sie den Norden nicht erobern konnten, suchten sie ihn mit aller Gewalt zu zerstören – kurz vor dem Einsatz nuklearer Waffen machten sie 1953 halt. Die Russen waren inzwischen auch im Besitz solcher Vernichtungsmittel.

Das Jahr 1953 brachte das Ende des Koreakrieges und ließ Millionen Tote zurück. Bis heute verweigern die USA den Koreanern einen Friedensvertrag, wie sie ihn auch den Deutschen bis heute verweigert haben. Im Juni brachen vom RIAS Berlin angeheizte Arbeiterunruhen im Osten Berlins aus. Sowjetische Panzer rollten. Anfang März 1953 war Stalin verstorben. Der einstige „Sozialrevolutionär“, der Trotzkist (13) und Ukrainer Chruschtschow hatte in Moskau das Ruder übernommen. Seine Mimikry war offenbar perfekt gewesen, denn er hatte sich als eifriger „Trotzkistenjäger“ hervorgetan und dafür gesorgt, dass viele Unschuldige Opfer von übergriffigen Säuberungsaktionen wurden. (14) Opfer, die von ihm später bewusst wahrheitswidrig Stalin und seinen Leuten in die Schuhe geschoben wurden.

Die traurige Rolle Nikita Chruschtschow – der Anfang vom Ende

Die von Nikita Chruschtschow als Partei- und Regierungschef getroffenen Entscheidungen stellten im Sowjetland die Weichen um. Die langjährige, opferreiche Aufbauarbeit wurde zurückgerollt, das Erfolgsmodell ab jetzt von innen heraus entschieden demontiert. Vorläufiger Höhe- und Weltwendepunkt war Chruschtschows 'geheimes' Anklagepamphlet auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 gegen die angebliche Unfähigkeit und das Verbrechertum Stalins. (15) Neu an diesem zuerst von der New York Times veröffentlichten Dossier, das in der UdSSR zunächst nicht erscheinen durfte, war lediglich, dass die alten niederträchtigen Verleumdungen gegen die sowjetische Führung jetzt von innen heraus in die Welt geschleudert wurden. Chruschtschows Widersacher aber, treue Anhänger des stalinschen Erfolgskurses im In-und Ausland wurden in rascher Folge beseitigt. (16)

 Die weltweite Hexenjagd auf 'Kommunisten' schien jetzt substantiell und menschenrechtlich fundiert. Kaum einer noch durchschaute das teuflische Spiel einer allmählichen Metamorphose des Arbeiter- und Bauernstaates. Auch die nachfolgend schleichende Transformation fast aller kommunistischen Parteien weltweit blieb unbegriffen. (17) Zwar wurde Chruschtschow 1964 abgelöst, aber das war zu spät. Der Zersetzungsprozess war in seinem ganzen Ausmaß nicht erfasst worden und konnte daher nicht mehr aufgehalten werden. Die Kossygin, Breschnew, Andropow und Tschernenko waren alt und oder krank, keine Politiker von Format, die den Verfallsprozess hätten aufhalten können. Als Gorbatschow 1985 kam, jung und dynamisch, da erschien er vor aller Welt als Hoffnungsträger. In Wirklichkeit trieb er das vom Imperialismus vorausgeplante Werk der Demontage des Sowjetstaates weiter voran. Boris Jelzin betrieb dann den Ausverkauf der Restbestände, ließ im Oktober 1993 Panzer rollen und das Parlament beschießen (18). Am 31. Januar 1999 ist der Mann am Ende und in einem Anflug von möglichem Klarsinn übergibt er das Szepter an einen bis dato völlig Unbekannten, an seinen Ministerpräsidenten Vladimir Putin.

Nationale Neubesinnung unter Putin

Mit Putins Wahlbestätigung im März 2000 beginnt die Konsolidierung Russlands. (19) Der neue russische Präsident bezeichnete den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Aber der Antidemokrat und Liquidator Jelzin wird vom Westen als Revolutionär (20) bejubelt, während man seinen Nachfolger Putin bald dämonisieren wird. Der Sozialismus in Russland ist Geschichte, aber es beginnt im Rahmen der BRICS Staatengruppe eine neue Ära der Zusammenarbeit mit dem befreundeten China, das unter kommunistischer Führung rasante wirtschaftliche Erfolge feiert.

Friedenspolitische Kernaufgabe: Neuerlichen kriegerischen Aufmarsch an der Ostfront stoppen

Obwohl Russland gegenüber dem Sowjetreich um ein erhebliches Stück geschrumpft ist, obwohl es um sein Ursprungsland, die Ukraine gebracht wurde, obwohl es kapitalistisch geworden ist, so sind die Begehrlichkeiten des dekadenten Imperialismus ihm gegenüber nicht geringer geworden. Russland und China gelten laut neuester US-Geostrategie als wichtigste Feinde. Konkurrenz muss niedergemacht werden, Rohstoffe und Märkte in den eigenen Besitz gebracht werden. Diesem Zweck dient die militärpolitische Umzingelung, ihm dienen die annähernd 1000 US-amerikanischen Militärstützpunkte weltweit. Diesem Zweck dient ein Militärhaushalt, der so groß ist, wie jener der acht nachfolgenden Staaten zusammen genommen und mehr als zehnmal größer als derjenige Russlands.

Nein zum Feindbild Russland, zu Sanktionen und Kriegsvorbereitung

Russland und vor allem seine besonnene Führung, verkörpert in der Person des Präsidenten Vladimir Putin, werden im NATO-Westen in altbekannter Manier verunglimpft, beleidigt, jeglicher Würde beraubt. Das kapitalistische Russland wird wie ehedem die sozialistische Sowjetrepublik jeder denkbaren Unrechtshandlung beschuldigt und zwar ohne die Spur eines Beweises dafür zu liefern. Das propagandistische Dauerfeuer, so hofft man, wird schon Wirkung zeigen und die öffentliche Meinung sturmreif manipulieren. Was der US-amerikanische und NATO beherrschte 'Tiefe Staat' will und wozu er seine ihm tributpflichtigen Vasallen (21) nötigt, ist ein offener Krieg gegen Russland. Deshalb der Treuebruch gegenüber Gorbatschow, dem man versichert hatte, die NATO werde nach Abzug der Warschauer Pakt Truppen nicht nach Osten ausgedehnt. Dazu dienen die uns aufgezwungenen Wirtschaftssanktionen. Dem Angriffsziel Russland ist der Aufmarsch von schwer bewaffneten NATO-Verbänden vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer gewidmet. Der Rest ist Propaganda. Die durch den quasi faschistischen, US-gesteuerten Putsch in Kiew künstlich provozierte Krim-Krise dient nur als Vorwand mit Hilfe dessen die geplante Aggression bemäntelt werden soll. In Anbetracht der Atomwaffen über die Russland verfügt, die es im Falle von Übergriffen auf sein Territorium angekündigter Maßen auch einzusetzen gedenkt, eine für uns tödliche, selbstmörderische Strategie.

Warum kein Antikriegsaufruf, warum kein Aufschrei von Links?

Das Ausbleiben öffentlicher Massenproteste gegen ein solch wahnsinniges Vorhaben ist vor dem Hintergrund der Erfahrung zweier Weltkriege und der Niederlage einer bis an die Zähne gerüsteten Deutschen Wehrmacht gegen Sowjetrussland nur auf Grund von Unkenntnis und Desinformation nachzuvollziehen. Von herausragender, niederschmetternder Bedeutung bleibt aber für das Verständnis der desolaten Situation das Versagen des gesamten linken Spektrums von linksliberal, Grün über die Partei 'Die Linke' bis hin zu den großen Gewerkschaften und kommunistischen Splittergruppen. Man hat dort den Ernst der Lage ganz offenbar nicht begriffen. Der gezielt gesteuerte Niedergang des Sozialismus hat vor der kommunistisch-sozialistischen Weltbewegung nicht halt gemacht. Selbst demokratische Volks- und Bürgerbewegungen wurden absichtsvoll mit in den Schlund gezogen. Der Faschismus trägt heute im Westen allerdings Filzlatschen. Sämtliche Ansätze sozialer Zusammenschlüsse (22) wurden systematisch infiltriert, Führungspersonal korrumpiert und vor allem das theoretische Instrumentarium zur wirklichkeitsgerechten Analyse geopolitischer Vorgänge aus der Hand geschlagen. Freund und Feind können nicht mehr angemessen geortet werden, werden als austauschbar oder gleichrangig gehandelt. Die Bedeutung der UN-Charta, die Bedeutung nationaler Grenzen und Rechte, der Ansprüche auf staatliche Souveränität, ja auf Staatsbürgerrechte wurden als mehr oder weniger obsolet oder gar rechtslastig ad acta gelegt. Damit ist die Linke in all ihren Schattierungen als massenmobilisierende Kraft - in Deutschland und Europa spätestens seit der so genannten Wiedervereinigung – zahnlos geworden, beschäftigt mit Nebenfragen. Das Volk selbst wurde zu einer Manövrier-Masse für konterrevolutionäre, gegen die eigenen Interessen gerichtete Belange.

Die 'Neue Rechte' ist nicht der Feind

Statt zu mobilisieren gegen den Kriegsaufmarsch, mobilisiert man gegen einen vermeintlichen Gegner von Rechts. Völlig verkannt wird dabei, dass nicht die 'Neue Rechte' von Trump bis AFD den neuen Faschismus verkörpern, sondern dass dieser längst an den Hebeln der Macht sitzt und häufig genug ein weibliches Gesicht trägt. Die 'Neue Rechte', das sind Abweichler aus dem Lager der Bourgeoisie; sie sind dem Tiefen Staat und dem gesamten Militärisch-Industriellen Komplex ein Dorn im Auge. Ihre Interessen zielen zwar auf Profit, sie sind durch und durch kapitalistisch, aber sie sind nicht kriegerischer Natur. Vielmehr stört der Kriegsaufmarsch ihre Geschäfte. Alle neurechten Bewegungen wollen gute Beziehungen mit Russland, sind gegen die Sanktionspolitik, wollen nationale Souveränitätsrechte gesichert wissen und sichere Grenzen. Sie sind durchweg an Chinas Initiative 'Neue Seidenstraße', interessiert und wollen sich am absehbaren Riesengeschäft beteiligen, nicht es zerbomben. Leider, vielleicht aus nachvollziehbaren Gründen, stellen sie diese wichtigen Aspekte ihres Abweichlertums nicht in den Vordergrund, sondern punkten mit vermeintlicher Fremdenfeindlichkeit oder gar Rassismus und vor allem mit Antikommunismus. Das ist so, weil sie zwar gegen den importierten Islamo-Terror sind, aber genau wie die Linke, nicht begriffen haben, dass dieser neue Faschismusimport unter falscher Flagge segelt, genau wie der alte.

Ob Braun oder Schwarz, der Feind ist und bleibt der Faschismus

Die Nazis waren keine Sozialisten, ja nicht einmal Nationalisten. Die Islamisten aller Couleur sind keine Muslime, keine Anhänger oder gar Kenner des Islam, sie sind Faschisten, die nachweislich von den gleichen Kräften hochgezogen wurden und finanziert werden wie einst Adolf Hitler und seine Schlägertrupps. Die Unkenntnis in Sachen Islam, der nach dem verloren gegangenen Feindbild Rot lange als praktischer Ersatzfeind herhalten musste, rächt sich sträflich. Nicht der Islam, eine Religion des Friedens, nicht das Judentum, eine Religion der Gerechtigkeit, nicht die Religion überhaupt ist der Feind, auch nicht der Sozialismus, sondern der Faschismus, der alle Menschheitsideale pervertiert und instrumentalisiert. Dieser aber ist Ausdruck und Resultat der „am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ wie es der Kommunist Dimitrov schon 1935 treffend auf den Begriff brachte. Diese auch damals zu späte Einsicht fehlt aber heute gänzlich und zwar auf der rechten wie auf der linken Seite. Aus diesem Faschismusbegriff ergeben sich nämlich handlungspraktische Konsequenzen. Alle Menschen aus allen Lagern, die guten Willens und gegen den neuerlichen Kriegsaufmarsch gen Russland sich zu engagieren bereit sind, müssen ungeachtet sonstiger Differenzen zusammenwirken. Es gilt das Feindbild Russland zu demontieren, wie ein Matthias Platzeck und eine Gabriele Krone-Schmalz dies tun (23). Es gilt aufzustehen gegen eine hetzerische Feindbildpropaganda, die leider vom linken Spektrum gegen einen Anti-Establishment-Präsidenten und potenziellen Verständigungspolitiker wie Donald Trump betrieben wird, ganz wie damals 1922 gegen Walter Rathenau, dem der Rapallo-Vertrag zu verdanken war, also Verständigungspolitik mit Sowjetrussland auf Augenhöhe.

Die Situation heute ist nicht weniger bedenklich. Die jahrelange Hetze gegen einen friedenspolitisch engagierten und äußerst erfolgreichen Journalisten wie Ken Jebsen etwa wird von links aus betrieben, nicht von rechts – das müsste doch allen am Friedenserhalt interessierten Menschen auf der „Linken“ ein Nachdenken mehr wert sein. Gut, dass es dort auch Persönlichkeiten wie Andreas Wehr, Dieter Dehm, Wolfgang Gehrke (24) gibt, aber diese spielen leider in ihren Kreisen eine marginalisierte Rolle, sind nicht die Tonsetzer. Natürlich gibt es auch die sozialdemokratisch inspirierten „Nachdenkseiten“ von Albrecht Müller. Aber das ist zu wenig noch. Aus dem rechten Spektrum wirkt unermüdlich der großartige Willy Wimmer, der von den LINKEN mehr oder weniger ignoriert wird. Dieser CDU-Mann scheint der einzige zu sein, der vollumfänglich verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat.

Es wäre eine große Aufgabe im Jahr 2018 das Feindbild „Neurechts“ genauso wie das Feindbild Russland abzustreifen und sich dem Studium derer jeweiligen wahren Natur zu widmen.

Auch die nach wie vor unhinterfragt akzeptierte Gleichung Stalin gleich Hitler bedarf dringend einer auf Recherchearbeit basierenden Korrektur. Solange diese Gleichung bestehen bleibt, liegt ein mächtiger Bremsklotz auf dem Wege zu menschheitlichem Fortschritt.

Allerdings zeigt wiederum das Beispiel Russland, dass Fortschritt möglich ist, trotz unbegriffener Historie und trotz gravierender Interessen- und Meinungsdifferenzen, wo nämlich ein guter Wille herrscht und das gemeinsame Interesse an der friedlichen Bewahrung des Bestehenden im Vordergrund steht. Russland und das von der jungen Margarita Simonyan geleitete Russia Today (RT) Team führt uns mit großem kreativen journalistischen Können und mit Humor sowohl Meinungsvielfalt als auch die hohe Kunst diplomatischer Zusammenarbeit vor.

Möge uns das völkerübergreifende Zusammenwirken der großen friedliebenden Nationen Russische Föderation, Volksrepublik China und Islamische Republik Iran auch im Jahr 2018 einen großen Krieg ersparen helfen. Mögen diese Nationen uns als Vorbild für weit ausgreifende Zusammenarbeit im Kleinen dienen. Nur wenn uns das gelingt, werden unsere Kinder und Kindeskinder die Früchte des epochalen Wechsels noch ernten können, der mit dem Roten Oktober eingeläutet wurde und dessen Geburtswehen andauern. Vor uns die Mühen der Ebenen. (25)





Montag, 15. Januar 2018

Um Aufrüstung und Kriegsvorbereitung


Weltkriegsvorbereitung


Lucas Zeise zum deutschen Mythos von Europa
Ausgabe vom 12. Januar 2018


Die Her­ren Schulz und Ga­bri­el wol­len Eu­ro­pa zum ei­gent­li­chen Zweck der neuen deut­schen Re­gie­rung ma­chen. „Es ist Auf­ga­be der SPD, die zen­tra­le Rolle Deutsch­lands bei der Ge­stal­tung Eu­ro­pas an­zu­mah­nen und den fort­schritt­li­chen Kräf­ten in Eu­ro­pa die Hand zu rei­chen.“ So for­mu­lier­te der SPD-Par­tei­vor­stand, um den De­le­gier­ten des Par­tei­ta­ges den Weg in eine er­neu­te Ko­ali­ti­on mit der CDU/CSU schmack­haft zu ma­chen. Schulz kün­dig­te sogar an, er wolle die EU bis 2025 in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa um­wan­deln. Das soll kühn wir­ken, was es ja auch ist.

Die SPD be­nutzt Eu­ro­pa als Recht­fer­ti­gung für eine un­ge­lieb­te Re­gie­rungs­be­tei­li­gung. Noch scheint die EU so be­liebt bei einem Teil des Vol­kes, dass die Par­tei glaubt, das könn­te funk­tio­nie­ren. Zur Recht­fer­ti­gung der EU wird das große Thema Frie­den her­bei­ge­zau­bert. Am bes­ten wuss­te Hel­mut Kohl die „Er­zäh­lung“ zu prä­sen­tie­ren, dass die Eu­ro­päi­sche Union den Völ­kern Eu­ro­pas den Frie­den ge­schenkt habe. Zu­sam­men mit François Mitter­and, dem so­zia­lis­ti­schen Prä­si­den­ten Frank­reichs, stell­te er das Händ­chen hal­tend in Ver­dun auch in einem Steh­bild dar. Schon den bei­den Haupt­dar­stel­lern sah man da­mals an, dass es sich bei die­sem My­thos um Po­lit­kitsch han­delt. Die Eu­ro­päi­sche Union (vor­mals Wirt­schafts­ge­mein­schaft) ist wie die NATO ein Kind des Kal­ten Krie­ges. Die lange Pe­ri­ode von 1945 bis 1998 ohne Krieg in Eu­ro­pa ist eben­falls Pro­dukt die­ser Kon­stel­la­ti­on, die die im­pe­ria­lis­ti­schen Mäch­te ver­an­lass­te, nicht nur auf den Krieg un­ter­ein­an­der zu ver­zich­ten, son­dern auch öko­no­misch ein Stück weit zu ko­ope­rie­ren, um den So­zia­lis­mus ein­zu­däm­men und zu­rück­zu­drän­gen.

Die Zeit des er­zwun­ge­nen Frie­dens zwi­schen den Im­pe­ria­lis­ten ist seit 1990 vor­bei. Haben wir es mit einem Wun­der zu tun, wenn wir fest­stel­len, dass die alten im­pe­ria­lis­ti­schen Staa­ten auch heute noch un­ter­ein­an­der Frie­den hal­ten und Krieg und Sub­ver­si­on aber nur zur Un­ter­wer­fung neuer Ri­va­len oder un­bot­mä­ßi­ger Re­gie­run­gen aus der frü­he­ren 3. Welt ein­set­zen? Der am Ende des 2. Welt­krie­ges unter Füh­rung der USA or­ga­ni­sier­te „Wes­ten“ be­steht nach wie vor. Die EU, ob­gleich öko­no­misch schärfs­ter Kon­kur­rent der USA, wird von die­sen nicht be­kämpft. Sie to­le­rie­ren auch wohl­wol­lend die füh­ren­de Rolle, die der deut­sche Im­pe­ria­lis­mus in der EU spielt. Das EU-Re­gime des frei­en Ka­pi­tal­ver­kehrs und des Wett­be­werbs der Staa­ten un­ter­ein­an­der ist für die deut­schen Kon­zer­ne von un­schätz­ba­rem Wert. Um­ge­kehrt stellt Deutsch­land die füh­ren­de Rolle der USA in­ner­halb des „Wes­tens“ nicht in Frage. Auch der von Prä­si­dent Trump unter der Pa­ro­le „Ame­ri­ca first!“ mit einer Steu­er­re­form an­ge­kün­dig­te Han­dels­krieg ist nach der In­ter­ven­ti­on der EU-Eu­ro­pä­er un­ter­blie­ben. Die Auf­re­gung über ein Ende des trans­at­lan­ti­schen Neo­li­be­ra­lis­mus war ver­früht.

Mi­li­tä­risch läuft alles wie von lan­ger Hand ge­plant: Im Ziel, ver­stärkt auf­zu­rüs­ten und Russ­land zu be­dro­hen, sind sich alle Sei­ten einig. Auch die Krie­ge gegen und in Af­gha­nis­tan, Li­by­en, Sy­ri­en und Nord­afri­ka wer­den ge­mein­sam ge­plant und ar­beits­tei­lig be­trie­ben – wenn auch nicht immer ge­won­nen.

Fried­rich En­gels hat vor 130 Jah­ren die Lage in Eu­ro­pa be­schrie­ben und den Welt­krieg er­staun­lich prä­zi­se vor­her­ge­sagt, der 26 Jahre spä­ter be­gann. Auch heute geht es um die Welt­herr­schaft. Die eu­ro­päi­schen Im­pe­ria­lis­ten, vor allem Deutsch­land, ste­hen dabei fest an der Seite der USA, deren Do­mi­nanz von Russ­land, vor allem aber dem öko­no­misch immer stär­ker wer­den­den China in Frage ge­stellt wird. Der drit­te Welt­krieg wird vor­be­rei­tet.


Im Land der Stagnation


Alles bleibt wie es ist


Sahara-Koalition drängt sich auf


Autor: U. Gellermann
Datum: 15. Januar 2018

Der neue ICE, ein Wunder deutscher Technik, bleibt gerne stehen. Schon länger hebt der Hauptstadt-Flughafen nicht ab. Über Diesel macht man nicht mal gute Witze. Der deutsche Politik-Laden stagniert so vor sich hin. Als die Sowjetunionen in ihre Schlusskurve einbog, gab es einen Witz über denn stillstehenden Zug sowjetischer Zeit: Parteichef Breshnew, so erzählte man, ließ die Waggons von Hand rütteln und zog die Vorhänge zu, um Fahrt vorzutäuschen. Dafür gibt es in Deutschland heute die Tagesschau, die zu den Sondierungsgesprächen zu sagen wußte: „Das letzte Treffen zu den Sondierungen der Spitzen von CDU, CSU und SPD dauert nun rekordverdächtige 24 Stunden.“

Wenn es sonst nichts zu berichten gibt, dann werden eben Laber-Rekorde gemeldet. Mehr als eine Million Menschen in Deutschland hat keine Wohnung. Immer mehr junge Leute wohnen bei ihren Eltern, weil sie sich keine eigene leisten können. Die tatsächliche Arbeitslosigkeit kommt in der offiziellen Statistik nicht mehr vor. Die Bundesagentur für Arbeit hat, um die Lücke in ihren Berichten zu vertuschen, die "Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne" erfunden. Die Vorhänge bleiben geschlossen. Nichts rüttelt am Stillstand.

Gern täuschen die GroKo-Verhandler eine dynamische Fahrt vor: Angela Merkel, Horst Seehofer und Martin Schulz redeten von einem "Aufbruch“. Nach „Europa“ solle die Fahrt gehen. Ein Staat der nicht auf der Landkarte steht, aber zu unqualifizierten Träumen verlockt. Dort wolle man zum Motor werden und gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Macron in die Ferne reisen. Wahrscheinlich im Schlafwagen.

Unter all den Sprachgirlanden, die von den Verhandlern um ihre Sitzungen gewunden wurden, gab es eine, die Inhalt versprach: Die von der SPD zeitweilig ultimativ verlangte Bürgerversicherung. Die hätte die Zwei-Klassen-Medizin verändern, und dem neuen Regierungsbündnis zumindest den Anstrich des Sozialen verleihen können. Selbst bei dieser Forderung ist die SPD eingeknickt. Mittig, fertig zum Zusammenklappen. So lässt sie sich besser im Gepäckfach verstauen. Denn da kann sie nach den nächsten Wahlen landen. Als Ballast für die Kurvenstabilität. Immerhin, seufzen manche SPD-Anhänger, wir dürfen wieder den Außenminister stellen. Doch schon auf dem SPD-Landesparteitag in Sachsen-Anhalt hat das die Mehrheit der Delegierten nicht überzeugt. Selbst der Michael Müller aus der zweiten SPD-Reihe, der Berliner Bürgermeister, hält Neuwahlen nicht für ausgeschlossen. Ach Martin, wer will denn noch mit Dir spielen?

Mitten in der Stagnation hatten die Verhandler immerhin Zeit für Kriege. Noch gibt es keine neue Regierung, noch hat das Parlament seinen Arbeits-Rhythmus nicht gefunden, da fanden die GroKisten in der Verhandlungsnacht ein Hinterzimmer, um Vorentscheidungen zu treffen: Bei einer Neuauflage der Großen Koalition wolle man aber unbedingt an den Auslands-Einsätzen der Bundeswehr festhalten. Schon vor Tagen hatte die provisorische Regierung ihr wichtigstes deutsch-französisches Projekt verkündet: Man will die Zahl der deutschen Soldaten in Mali deutlich erhöhen. Es gibt Gegenden, da erlaubt die Rüstungsindustrie einfach keine Stagnation.

„Da warn wir am Arsch - Da war´n wir geborgen“ sang die Sängerin Barbara Thalheim mit ihrem Lied „So lebten wir in den Zeiten der Stagnation“ der untergegangen DDR hinterher. Und tatsächlich macht sich ein DDR-Endzeit-Gefühl breit: Vorherrschend ist die Gleichgültigkeit. Nur die soziale Geborgenheit von damals will sich nicht einstellen. Wie auch, bei sinkenden Temperaturen und einer steigenden Zahl von Obdachlosen.

Wenn es auch an guten Witzen zum Diesel mangelt: Die Koalitionen haben ihren Witz gefunden: „Welche Koalition würden Sie denn bevorzugen? Die große Koalition? Die Ampel-Koalition? Oder die Jamaika-Koalition?" - „Die Sahara-Koalition!" - „Wie bitte? Sahara-Koalition?" - "Sahara-Koalition: Man schickt sie alle in die Wüste!“

Die Startseite wurde von Angelika Kettelhack lektoriert.



Sonntag, 14. Januar 2018

In die Stille gerettet

Ein Herzenstext



Harry Popow: „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder“



DDR-Erinnerungsliteratur ist zunehmend gefragt. Sie wird besonders dann interessant und spannend, wenn es um ehrliche Rückblicke geht, wenn aus ganz persönlicher Sicht sowohl Privates als auch Gesellschaftliches eng verwoben beleuchtet werden, wenn auch Uneingeweihte einen Einblick in die inneren Motive, in das alltägliche Denken und Handeln bekommen. Herz, Geist und Gutwilligkeit vorausgesetzt, können so weiter Brücken entstehen – zwischen jenen, die die DDR erlebt haben und jenen, die nichts mit dem Antikommunismus und der Diffamierung der DDR am Hut haben und an authentischen und ehrlichen Motiven und Handlungen der DDR-Bürger interessiert sind.

Klappentext:

Henry, der Name der Hauptfigur dieses authentischen Romans, hat einfach Schwein gehabt – und das ein Leben lang. Bevor er Cleo, seine große Liebe, kennenlernte, fand er Antennen zur Literatur, zur Malerei, zur Natur, zu allem Schönen und Guten. Zwar hatte er den Krieg noch als Kind erleben müssen – gerade deshalb brachte er sich voll innerer Überzeugung im DDR-Alltag ein. Arbeitete in der Zwickauer Steinkohle Unter Tage, probierte sich als Geologe, zog schließlich die Uniform der KVP/NVA an, wurde Reporter in der Wochenzeitung „Volksarmee“.
An seiner Seite – Cleo, die er 1957 in Plauen/Vogtland kennenlernte. Mit ihr überstand er 1989 den Rückfall in die Geschichte. Mit ihr zog er sich 1996 in die Stille der schwedischen Wälder zurück. Sechs Jahre nach der Deutschen Einheit. Niemand trieb sie, keiner wurde steckbrieflich gesucht, keiner verunglimpft. Was trieb sie außer Landes? Stille Wünsche einerseits und Unvereinbarkeiten mit vermeintlichen neuen Zuständen andererseits.

In der Einsamkeit einer kleinen schwedische Waldsiedlung und im eigenen Holzhaus wühlt und kramt er in alten Aufzeichnungen, in Briefen und Erinnerungen, sammelt und hält fest, was ihn am großen Vorhaben fesselte, ein gänzlich anderes und neues Deutschland aufzubauen, ein sinnerfülltes Leben zu führen. Wie er sich in die Arbeit zunächst als Ausbilder und dann als Militärjournalist stürzte, was ihn dabei freute und warum ihn Ungereimtheiten – auch wegen mancher Kopfnüsse - niemals kalt ließen…
Damals, in der Zeit der millionenfachen Aufbaumühen und der teils berechtigten Ängste vor neuen Gefahren für Staat und Macht… Erlebtes aus der Zeit der NVA und danach im Fernsehen der DDR wird so wieder lebendig, mündet schließlich in der nachdenklichen Feststellung, dass das Jetzige des Jahres 2018 wohl nicht das Nonplusultra sein kann und darf.

Henry kehrte mit seiner Cleo nach neun glücklichen Jahren in Schweden 2005 nach Deutschland zurück – ohne je eine Minute des schwedischen Aufenthaltes zu bereuen. Doch seine Visionen – die Konturen einer warmherzigen menschlichen Gesellschaft ohne Kapitaldiktatur – lässt er nach wie vor nicht im Nebeldunst der oft einseitigen Stimmungsmache und Lügen über die DDR-Geschichte verschwinden. Und: Nach über fünfundfünfzig Jahren Zusammensein ist sie und bleibt sie seine ganz große Liebe – seine Göttin Cleo. Nur Schwein gehabt?


Um weitgehend Eigenwerbung zu vermeiden, fügt der Autor an dieser Stelle die Meinung einer Lektorin (von ihr genehmigt) aus dem Verlag Haag+Herchen GmbH aus Hanau zu diesem Buch hinzu:

Da ich immer erst den Text anschaue … , konnte ich ganz entspannt lesen und mich freuen – über die wunderschöne Liebesgeschichte zweier Menschen, die harte Zeiten erlebt haben und doch im Herzinneren stets beieinander waren und sind.
Das Buch ist schön aufgebaut. Natürlich chronologisch, ich meine aber inhaltlich. Es besteht im Grund aus zahlreichen Mosaiksteinchen des Lebens, die wie eine Loseblattsammlung beginnt und dann nach und nach zu einem dichten Lebensteppich zusammenwächst unter einem Grundthema – Liebe.

Erinnerung … , es sind die kleinen Momente, … die unser Erleben prägen, … In Ihrem Fall ist das Cleo, grad heraus, unverblümt, herzlich und konstant, wissend und mutig und Sie, Lehrling, NVA-Offizier, Journalist, dann die Arbeit beim Fernsehen und die zweite Karriere, Schreiben, Malen, Auswandern.

Es sind kleine Spotlights, die den Weg zurück beleuchten, angefangen bei den Erinnerungen der jungen Mutter Tamara, die ihre Zukunft träumt und sie doch nie finden wird, anders als ihr Sohn, der sofort weiß – die ist es.

… Die Momente des Mauerfalls aus dieser Sicht sind sehr interessant, zumal es im ehemaligen „Westen“ bis heute nicht wirklich klar ist, was das für ehemalige Ostler bedeutet hat – die Tochter flüchtet, der Vater muss Rede und Antwort stehen in einem System, das es nicht mehr gibt, in dem aber alle aufgewachsen sind, das für alle als „wahr“ galt – eine ausgesprochen schwierige Situation.

Das Leben in Schweden bringt wieder Ordnung innen und außen, Ruhe und Gemeinschaft und das, was wirklich wichtig ist – menschliche Nähe, Gespräche und Zweisamkeit, die Natur und die enge Verbundenheit innerhalb der Familie, auch das sehr auffallend im Gegensatz zu so vielen Berichten der gleichen Zeitepoche aus „Westsicht“, in denen es überwiegend um Egoismus und Trennung geht und um die Frage, wer wen wie ausnimmt.

… Starke Frauen begleiten Ihren Lebensweg, das hat mich sehr beeindruckt.

Sie fragten, … ob manches nicht zu privat ist - … Es ist eher berührend und zauberhaft und von daher kostbar, nicht nur für Sie als Paar, sondern auch für den Leser, der sich so etwas wie Ihre Ehe natürlich auch wünscht (und hoffentlich lebt). … Es ist ein Herzenstext, …

Christine Krokauer, Lektorat




Harry Popow: „In die Stille gerettet“. Persönliche Lebensbilder. Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3

Weitere veröffentlichte Bücher des Autors:

ZWISCHEN START UND LANDUNG

Eckhard Lange: „Zwischen Start und Landung, Gelebt-gearbeitet-geflogen“, ein Lebensbericht, (Ghostwriter: Harry Popow), 168 Seiten, Preis: 17,50 Euro – Versandkostenfrei, Juli 2013, Druck und Verlag: dbusiness.de Digital Business and Printing Gmbh, Greifswalder Str. 152, 10409 Berlin, E-Mail: greifswalder@dbusiness.de oder
info@dbusiness.de , www.copyhouse.de , Telefon: 030 44650342. Buchbestellungen bitte über die email Adresse info@copyhouse.de.


WETTERLEUCHTEN

Harry Popow: „WETTERLEUCHTEN - Platons erzürnte Erben haben das Wort“. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe – ein Zeitdokument“, Verlag: epubli GmbH, Auflage: 1 (18. Dezember 2015), Berlin, 392 Seiten, www.epubli.de , ISBN-10: 3737580650, ISBN-13: 978-3-7375-8065-6, Preis: 21.99 Euro



Im Stillen Park der untoten Seelen

Harry Popow: "Im Stillen Park der untoten Seelen. Tamaras Notizen – auf der Spur von Träumen und ungeweinten Tränen", AAVAA-Verlag, 1. Auflage 2016, Umschlaggestaltung AAVAA Verlag, Coverbild: Harry Popow, 335 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-38459-1956-0, Preis: 11,95 Euro, Hohen Neuendorf b. Berlin, Neuerscheinungen im Juni:
http://www.aavaa.de/Im-Stillen-Park-der-untoten-Seelen
 Postadresse: Birkenwerderstraße 8, 16562 Hohen Neuendorf, OT Bergfelde, Fax: 49-3303-518 24 49



DÄMMERZEIT

Harry Popow: "DÄMMERZEIT.  EIN KESSEL  STREITLUST", epubli-Verlag. Taschenbuch, Format DIN A5, 204 Seiten, ISBN: 978-3-7375-3822-0, Preis: 11,99 Euro, zu bestellen:
http://www.epubli.de/shop/buch/D%C3%84MMERZEIT-Harry-Popow-9783737538220/52205

Telefon: 030/ 617 890 200



Der Schütze von Sanssouci

Harry Popow: „Der Schütze von Sanssouci. Das Leben mit einer Göttin – Erkenntnisse und Bekenntnisse aus acht Jahrzehnten“, Taschenbuch: 356 Seiten, Verlag: epubli; Auflage: 1 (22. Dezember 2016), Sprache: Deutsch, ISBN10: 3737538301, ISBN-13: 978-3737538305, Preis: 19,99 Euro
epubli GmbH - Print-on-Demand & Self-Publishing
Verlagsadresse: Prinzessinnenstraße 20, 10969 Berlin
Telefon des Verlages: 030 6178900
http://www.epubli.de/shop/buch/Sch%C3%BCtze-von-Sanssouci-Harry-Popow-9783737538305/59563

Harry Popow: „Der Schütze von Sanssouci. Das Leben mit einer Göttin – Erkenntnisse & Bekenntnisse aus acht Jahrzehnten“, Taschenbuch, 356 Seiten, Druck und Verlag: dbusiness.de gmbh, Greifswalder Str. 152, 10409 Berlin, ISBN 978-3-94683-729-9, Copyright © 2016, Email: info@dbusiness.de, www.dbusiness.de, Bestelladresse:
http://www.shop.dbusiness.de/article/show/der-schuetze-von-sanssouci , Preis: 12,95 Euro


Das Schwedenhaus
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Harry Popow: „Das Schwedenhaus. Abgehauen in die Stille – Persönliche Lebensbilder“, Taschenbuch: 183 Seiten, Verlag: AAVAA Verlag (1. April 2017), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3845922443, ISBN-13: 978-3845922447, Preis: 11.95 Euro,
http://www.aavaa.de/Das-Schwedenhaus


EISZEIT-BLÜTEN

Harry Popow: „EISZEIT-BLÜTEN. ROTE-NELKEN-GRÜßE AUS BLÜHENDEN LANDSCHAFTEN“, Taschenbuch: 508 Seiten, Verlag: Independently published, Brokatbook Verlag, (17. September 2017), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 1549766864, ISBN-13: 978-1549766862, Größe und/oder Gewicht: 14 x 3,2 x 21,6 cm, Preis: 12,50 Euro
https://www.amazon.de/EISZEIT-BL%C3%9CTEN-ROTE-NELKEN-GR%C3%9C%C3%9FE-AUS-BL%C3%9CHENDEN-LANDSCHAFTEN/dp/1549766864/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1508245074&sr=1-1&keywords=EISZEIT-BL%C3%9CTEN

HERAKLES IM ABENDLAND

Harry Popow: „HERAKLES IM ABENDLAND. EIN SACK PFEFFER“. Texte: © Copyright by Harry Popow, Umschlaggestaltung: © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, ISBN: 978-3-7450-6521-3, Seiten: 304, Preis: 17,99 Euro
https://www.epubli.de/shop/buch/HERAKLES-IM-ABENDLAND-Harry-Popow-9783745065213/70169



Samstag, 13. Januar 2018

Was Widerständler verbindet


Den Aufruhr fördern


Über Voraussetzungen und Ziele linker Politik. Anmerkungen zur Debatte über die notwendigen Reaktionen auf den gesellschaftlichen Rechtsruck


Von Lorenz Gösta Beutin

Die AfD hat die Koordinaten der Republik nach rechts verschoben: Die immer neuen Asylrechtsverschärfungen sind ein Ausdruck davon. Die Grünen waren bereit, für die Regierungsbeteiligung sogar eine Obergrenze, genannt »atmender Rahmen«, zu akzeptieren. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer von Bündnis 90/Die Grünen bedient rassistische Stimmungen, indem er angebliche Flüchtlinge beim Schwarzfahren fotografiert. Außenminister Sigmar Gabriel fabuliert, Klimaschutz, Gleichstellung oder Datensicherheit seien Themen der »Postmoderne«. Die Sozialdemokratie müsse sich jetzt auch solchen wie »Leitkultur« oder »Heimat« zuwenden.

Diese Debatte macht vor der Partei Die Linke nicht halt: Oskar Lafontaine, ihr früherer Vorsitzender, meint, die Forderung aus dem Parteiprogramm nach »offenen Grenzen« sei eine des Neoliberalismus. Seine Partei betreibe damit einen »Nationalhumanismus«, weil sie die Flüchtlinge außerhalb der deutschen Grenzen nicht beachte. Ihre Flüchtlingspolitik sei »genauso falsch wie die der anderen Parteien«, sagte er Ende Dezember im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Grenzenlose Solidarität



Zwar ist die Ideologie des Neoliberalismus die der »Freiheit«. Diese gilt aber nur für die, die sich das leisten können. Sie gilt für den Warenverkehr, der für die Staaten des globalen Südens nicht viel mehr als die alte kolonialistische Ausbeutung bedeutet. Kurz: Die Freiheit gilt für das Kapital. Für die Nichtbesitzenden, die »Working poor« der Welt, sind dieser Freiheit Schranken gesetzt – durch den Mangel an Kapital oder brutal durch das Grenzregime an den Rändern der kapitalistischen Zentren. Das Gerede »Wir können ja nicht alle aufnehmen« zeugt von einem etatistischen Politikverständnis. Die Linke ist eben nicht in der Situation, entscheiden zu müssen, wer rein darf und wer draußen zu bleiben hat. Linkssein heißt heute, sich dieser inhumanen Logik zu entziehen, sich auf die Seite all derer zu stellen, die Beherrschte eines sich weiter brutalisierenden Systems sind. Deswegen ist die grenzenlose Solidarität die Stärke und nicht die Schwäche linker Bewegungen, zumal in einer Zeit, in der das Kapital längst global agiert.

Was also wäre den Erzählungen von rechts, dem gesellschaftlichen Rollback entgegenzusetzen? Es wäre eine linke Erzählung von Solidarität, von einer Gesellschaft, die Freiheit und Gleichheit miteinander verbindet. Das klingt theoretisch, ist aber letztlich sehr konkret: Zwar ist der rechte Diskurs in der modernen Aufmerksamkeitsökonomie der Medien enorm präsent. Doch sind es Millionen Menschen, die in den sozialen Netzwerken, in den Vereinen und Verbänden, in Bündnissen und Gewerkschaften und nicht zuletzt in der Linkspartei der Rechtsentwicklung etwas entgegensetzen.

Wenn von einer »Sammlungsbewegung« die Rede ist, sollte darunter nicht das Phantasma einer »linken Volkspartei« verstanden werden. Das hieße, dem Irrglauben aufsitzen, Bewegungen wären etwas, was von oben in Gang gesetzt werden könnte. Im Zweifelsfall wäre das Ergebnis nicht mehr als ein autoritärer Wahlverein. Für die Linkspartei müsste eine Sammlungsbewegung vielmehr bedeuten, sich noch stärker zu öffnen, offensiver die eigenen Zukunftsvorstellungen in die Öffentlichkeit zu tragen, mit dem Mut zu sagen, dass es in letzter Konsequenz eben um eine ganz andere Gesellschaft geht, jenseits des Kapitalismus. Die Partei müsste sich als organisierendes Zentrum innerhalb der gesamten Linken betrachten, die gesellschaftliche Gegenmacht bündelt und in die Parlamente trägt. In der aktuellen Debatte sind dazu zwei Fragen zu klären: In den Wahlauswertungen des letzten Jahres war die Rede davon, die Milieus der Wählerinnen und Wähler der Linkspartei hätten sich verändert. Weniger Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern mehr Menschen aus urbanen, modernen Milieus hätten sie gewählt. Wer so interpretiert, fällt auf die Verfechter des Neoliberalismus herein, der die Parzellierung der Gesellschaft perfektioniert hat. Sicher nimmt sich die selbständige »Crowdworkerin«, die 60 Stunden in der Woche auf sich gestellt am Laptop arbeitet, nicht unbedingt als Teil der »Arbeiterklasse« wahr. Auch Pflegekräfte sehen sich, nach ihrem Status befragt, eher als »Angestellte«, nicht als »Arbeiter«. Auch darin manifestiert sich die Spaltung der Gesellschaft.

Das Verbindende aufzeigen



Aufgabe linker Politik müsste sein, das Verbindende der Milieus aufzuzeigen, ohne deren Verschiedenheiten zu negieren. Das Gemeinsame: Keiner gehört zur Seite des Kapitals, keiner verfügt über die Produktionsmittel, alle sind in der ein oder anderen Weise von Lohnzahlungen oder Sozialleistungen abhängig, kurz: Sie befinden sich nicht auf der Seite der Herrschaft im Kapitalismus. Damit haben sie etwas gemeinsam mit der großen Mehrheit der Menschheit, ob in den kapitalistischen Zentren oder in der Peripherie. Sich dieses Bewusstsein wieder zu erarbeiten und es öffentlich zu vertreten, ist sicher nicht einfach angesichts der jahrzehntelang eingetrichterten neoliberalen Ideologie. Es sollte aber Ausgangspunkt jeder Frage nach politischer Organisierung sein.

Die zweite Frage ist die nach den Politikfeldern. Rechte agitieren gegen Geschlechtergerechtigkeit, den Kampf gegen den Klimawandel, Antirassismus und Solidarität mit den Flüchtlingen. Eine linke Politik, die in Haupt- und Nebenwiderspruch denkt, ist in gewisser Weise empfänglich für deren reaktionäre Argumentationen, wie sich an Gabriel und Lafontaine zeigt: Zentral seien allein Lohnpolitik und die klassische »Industriearbeiterschaft«, die anderen Themen seien im besten Fall Beiwerk, im schlimmsten Ausdruck von »Postmoderne« oder Neoliberalismus.

Dem entgegen müsste linke Politik bedeuten, jeden emanzipatorischen Aufruhr gegen Herrschaft, jede subversive Aktion zu unterstützen, die der Erkenntnis dient, dass diese Gesellschaft zum Besseren zu verändern ist, dass ein Leben jenseits kapitalistischer Wertvergesellschaftung erstrebenswert ist: Die Kämpfe um Klimagerechtigkeit, ob sie in Peru oder Indonesien oder im Hambacher Forst bei Köln ausgetragen werden, tragen in sich den Kern der Systemveränderung: Dass es so nicht weitergeht mit dem ungebremsten Wachstum, mit der absoluten Dominanz der Profitlogik, dass nur internationale Solidarität und entschiedenes Handeln dazu führen, dass diese Menschheitsfrage positiv entschieden werden kann; dass längst mehr Menschen vor den Folgen des Klimawandels fliehen – das alles erweitert in notwendiger Weise den Diskurs zur Flüchtlingspolitik. Hier ist längst deutlich, dass Menschen nicht allein vor individueller Verfolgung flüchten, sie verlassen ihre Heimat aufgrund von Hunger in Folge der globalen Erwärmung und einer Exportpolitik, an denen auch deutsche Konzerne und der deutsche Staat einen erheblichen Anteil haben, sie fliehen vor Bürgerkriegen und vor unhaltbaren Zuständen. Solidarität mit den Flüchtlingen bedeutet, sich gegen all diese Fluchtursachen zu wenden. Deutsche Wirtschaftsinteressen werden global abgesichert durch Auslandseinsätze, durch Waffenlieferungen in die Kriege dieser Welt. Wenn sich in Deutschland die Schere zwischen arm und reich weiter öffnet, so geschieht das global in unermesslicher, nie dagewesener Form. Dabei besitzen acht Männer soviel Geld wie 3,6 Milliarden Menschen. Frauen erledigen zwar laut UNO zwei Drittel der weltweiten Arbeit, beziehen aber nur zehn Prozent des globalen Einkommens und verfügen nur über ein Prozent des gesamten Eigentums. Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zeigt sich global noch brutaler als auf nationaler Ebene, auch von den Folgen des Klimawandels sind Frauen und Mädchen stärker betroffen als Männer.

Deutlich wird: Die Fixierung allein auf eines dieser Themen hieße, auf eine Vielzahl an Anknüpfungspunkten für linke Politik zu verzichten. Dagegen muss eine emanzipatorische Klassenpolitik in der Lage sein, all diese Ansätze für widerständige Theorie und Praxis miteinander zu verbinden: Antifaschistische und antirassistische Politik gehören genauso dazu wie Antimilitarismus und Friedenspolitik, wie der Kampf gegen die Kohleverstromung und für Klimagerechtigkeit, wie die Kämpfe um gute Arbeit und gute Löhne, gegen das Sanktionsregime von Hartz IV und für die Achtung der Menschenwürde sowie für eine queer-feministische Politik. Linke Praxis bedeutet, das Gemeinsame dieser Bewegungen gegen die Herrschaft herauszuarbeiten, ohne die Notwendigkeit des Handelns in diesen Bereichen in Frage zu stellen. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass diese Kämpfe nicht allein im nationalen Rahmen ausgefochten werden, sondern ebenso auf europäischer Ebene und in allen Teilen der Welt. Deshalb ist, nein, muss internationale Solidarität Ausgangs- und Endpunkt jeder linken Politik sein.





Mittwoch, 10. Januar 2018

Klassenkampf


Kleiner Aufruf zum Klassenkampf


VERÖFFENTLICHT VON LZ ⋅ 10. JANUAR 2018


von Mathias Bröckers – https://kenfm.de

Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit für unsere Neujahrsansprache:

„Wenn ich alle unsere Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, im Geiste betrachte, und darüber nachsinne, so stoße ich auf nichts anderes, so wahr mir Gott helfe, als auf eine Art Verschwörung der Reichen, die den Namen und Rechtstitel des Staates missbrauchen, um für ihren eigenen Vorteil zu sorgen. Sie sinnen und hecken sich alle möglichen Methoden und Kunstgriffe aus, zunächst um ihren Besitz, den sie mit verwerflichen Mitteln zusammengerafft haben, ohne Verlustgefahr festzuhalten, sodann um die Mühe und Arbeit der Armen so billig als möglich sich zu erkaufen und zu missbrauchen. Haben die Reichen erst einmal im Namen des Staates, das heißt also auch der Armen, den Beschluss gefasst, ihre Machenschaften durchzuführen, so erhalten diese sogleich Gesetzeskraft.

Indessen … scheint es mir – um offen zu sagen, was ich denke – in der Tat so, dass es überall da, wo es Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben, es sei denn, man wäre der Ansicht, dass es dort gerecht zugehe, wo immer das Beste den Schlechtesten zufällt, oder glücklich, wo alles an ganz wenige verteilt wird …“.

Unsere „Ansprache“ stammt aus dem Jahr 1516 und wurde von dem Anwalt und Politiker Thomas Morus in seinem Werk „Utopia“ veröffentlicht. Es beschreibt die Zustände in einem idealen Gemeinwesen, das auf der fiktiven Insel „Utopia“ angesiedelt ist –  sowie die realen Zustände im Europa des frühen 16. Jahrhunderts. Diese waren von den heutigen Zuständen ganz offensichtlich nicht sehr weit entfernt. „Es herrscht Klassenkampf, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“ – so hat der Milliardär Warren Buffett die Lage im 21. Jahrhundert auf den Punkt gebracht. Und was tut die Politik ? Sie sorgt, im Namen des Staats dafür, dass die Klassenkämpfer ihre Machenschaften weiter führen können.

Da lässt es dann schon aufhorchen, wenn ein führender Politiker in einem Artikel einen Umsturz, genauer eine „konservative Revolution“ fordert. Will hier einer wirklich zu den Erkenntnissen und Werten zurück, die der Humanist Thomas Morus schon 1516 einforderte und die seit Jahrhunderten währende Umverteilung von unten nach oben beenden ?

Natürlich nicht, denn bei unserem neuen Revolutionsführer handelt es sich um den ehemaligen Verkehrsminister Dobrindt von der CSU und der Umsturz, den er fordert, richtet sich gegen einen Pappkameraden: die „linken Meinungsdiktatoren“ , die „selbst ernannten Volkserzieher und lautstarken Sprachrohre einer linken Minderheit“ in den „Schlüsselpositionen“, denen man 50 Jahre nach 68 jetzt endlich den Garaus machen müsse.

„Linke Ideologien, sozialdemokratischer Etatismus und grüner Verbotismus hatten ihre Zeit“, behauptet Dobrindt – und ehe man sich fragt wann diese Zeit war: in den 16 Jahren „geistig-moralischer Wende“ unter Kohl, den Jahren unter Schröder als Abrissbirne der Sozialdemokratie oder den 12 Jahren unter Merkel ?? –  fordert Dobrindt schon, dieser „linken Revolution der Eliten“ nun „eine konservative Revolution der Bürger“ folgen zu lassen.

Dass die „Schlüsselpositionen“- Vorstände von Banken, DAX-Konzernen und Wall Street-Hedgefonds – von Linksrevolutionären besetzt wären, ist bis dato allerdings nicht aufgefallen, auch wurde weder bei Warren Buffett noch bei einem seiner Kollegen aus der Milliardärs-Elite ein kommunistisches Parteibuch entdeckt. Gegen wen sollen denn nun die „Bürger“ konservativ revoltieren? Wen hat der große Vorsitzende des revolutionären Zentralkomitees der Konservativen, der Verkehrsminister ohne TÜV, als Großfeind ausgemacht ?

Die 68er, die mittlerweile über 70 sind! Wenn sie nicht- wie einer ihrer Anführer, Rudi Dutschke- an den Folgen eines Attentats gestorben sind, zu dem lautstarke Sprachrohre einer rechten Minderheit, allen voran die „Bild“-Zeitung, nach Kräften gehetzt hatten.

Dutschke war einer der letzten, der das Wort „Klassenkampf“ nicht nur in den Mund nahm, sondern es auch ernst damit meinte – so wie Warren Buffett es ernst meint, wenn er sagt, dass seine Klasse, die Reichen, diesen Kampf führt und ihn gewinnen wird. Solange ihm von unten nichts entgegen gesetzt wird.

Solange sich die Mehrheit der Bürger von der winzigen Elite einer Minderheit einlullen lässt.

Und solange diese Bürger – ob konservativ oder progressiv – nicht checken, dass die Konflikte zwischen Inländern und Ausländern, Männern und Frauen, Heteros und Homos, Christen und Moslems, und so weiter… nichts anderes sind als Scheingefechte auf Nebenkriegsschauplätzen, die nur ablenken und nichts ändern an dem grundlegenden Krieg, den 1% von oben gegen 99% von unten führen. Seit 1516.

https://kenfm.de/tagesdosis-9-1-2018-kleiner-aufruf-zum-klassenkampf%E2%80%A8/